12/2020 - Für unsere NCKI, jetzt HAPPY, ist ein Weihnachtswunder geschehen: sie darf auf Lebzeiten als Dauer-Gasst bei ihrem Pflegefrauchen bleiben!
Unser Sorgenkind HAPPY (ehem. Nicky)
Fünf Wochen mit einem Panikhund. Würde ich alles aufschreiben, was wir in dieser Zeit erlebt haben, würde daraus ein kleines Taschenbuch. Fortschritte, Rückfälle, ein Auf und Ab der Gefühle, Zweifel, Ängste und Unsicherheiten auf beiden Seiten. Aber von vorn. Immer wieder schaute ich mir das Bild von Nicki auf der Seite des Buchtunger Tierhofs an. Da ich hin und wieder Hunde vom Tierhof zur Pflege bei mir hatte, erkundigte ich mich bei Frau Lingenfelder über die Kleine. Ich erfuhr, dass sie aus Griechenland kam, ein Panikhund ist und zur Zeit nicht vermittelbar, da sie blitzschnell zubeißt und ständige Fluchtgefahr besteht.
Am Ostersonntag 2018 sah ich sie zum ersten Mal. Es war ein Bild des Jammers. Da lag sie in ihrem Bettchen, zusammengerollt, die Ohren angelegt und die Augen quollen vor Angst aus den Augenhöhlen. Als wir sie an der Leine, welche immer angelegt war, aus ihrem Bett zogen, fing der ganze Körper vor Panik an zu zittern. Das war der Moment, in dem ich beschloss, Nicki zu mir und meinem Hund Lino nach Hause zu nehmen. Ich musste am eigenen Leib erfahren, was Angst- und Panikattacken bedeuten. Mein Wunsch war es, Nicki sollte Happy werden Am 09.04.2018 war es dann soweit. Kim, die sie bis dahin betreut hatte, und auch die Einzige war, welche sie berühren durfte, brachte sie zu uns. Happy beschlag-nahmte sofort das Hundebettchen in der Küche, wo sie auch eine ganze Woche verbrachte. Nicht ein Mal kam sie auf die Idee, die Wohnung zu inspizieren. Abgesichert war sie durch ein Halsband und ein Hundegeschirr – und somit auch zwei Leinen. Die Leine am Halsband wurde nur angelegt, was nur mit einem Lederhandschuh möglich war, wenn wir Gassi gingen. Sobald man sich ihr näherte, fing sie an zu brummen und biss um sich. Nach drei Tagen entschloss ich mich, das Risiko einzugehen und sie mit meiner Hand bekannt zu machen. Ich dachte, ihr fallen die Augen aus. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Bewusst fasste ich immer wieder an die Schnauze. Fing ich an über den Kopf hin zum Rücken zu streicheln, begann sie zu beben und zucken, als würden Stromschläge durch ihren Körper jagen. Mir kamen die Tränen. Was musste dieses Tierchen erlebt haben.
Über ihre Vergangenheit ist uns nichts bekannt. Auf der rechten und linken Seite der Hinterschenkel habe ich Narben entdeckt. Wurde sie gebissen oder geschlagen, hatte sie einen Unfall, war sie ein Straßenhund oder war sie an einer Kette? Leider kann sie mir keine Antwort auf all die Fragen geben. Es würde einiges erleichtern. So kann ich mich nur Schritt für Schritt vorwärts tasten. Alles jagt ihr Angst und Schrecken ein. Menschen, Tiere, Geräusche, Autos. Die ersten Spaziergänge waren für sie die Hölle. So sehr mir das Herz blutete, habe ich sie dennoch Tag für Tag ihren Ängsten ausgesetzt. Nach drei Tagen begann sie mit Durchfall, verweigerte das Fressen. Da kamen mir Zweifel, ob ich den richtigen Weg gewählt hatte. Es wurde so schlimm, dass wir zum Tierarzt mussten. Drei Personen mussten sie festhalten bis die Narkose wirkte. Man hätte meinem können, sie kämpft um ihr Leben. Zum Glück war alles soweit in Ordnung und der Arzt war auch der Meinung, dass es stressbedingt sei. Jeden Tag müssen wir uns neuen Herausforderungen stellen. Wenn ich denke, nun klappt es, gibt es wieder einen Rückfall und wir fangen von Null an. Aber trotzdem gibt es Fortschritte. Wir gehen inzwischen ganz ruhig an Spaziergängern, Joggern und Fahrradfahrer vorbei. Auch an befahrenen Straßen bleibt sie gelassener. Nach einer Woche tauschte sie ihr Bett in der Küche mit der Couch im Wohnzimmer. Lino und ich dürfen neben ihr sitzen und sie legt sich entspannt hin. Nach 14 Tagen begann sie beim Laufen die Nase zu senken, stehen zu bleiben und Gerüche aufzunehmen. In der dritten Woche ging ihre Rute beim Laufen nach oben. Für einen Außen-stehenden wirkt sie wie ein ganz normaler Hund. Jedoch kann das kleinste Geräusch sie herausbringen und sie verfällt sofort in Panik. Inzwischen habe ich einen kleinen Trick herausgefunden – ich führe sie einmal im Kreis herum – und sie geht dann wieder ruhig weiter. Ich kann sie streicheln und massieren, ohne das sie nach mir schnappt. Aber denken sie ja nicht, dass das ein Genuss für sie ist. Die Augen quellen nun nicht mehr heraus, aber sie bleibt trotzdem in Hab-Acht- Stellung und lässt das Ganze über sich ergehen. Noch immer bewegt sie sich nicht in der Wohnung. Der einzige Moment wenn sie zum Leben erwacht ist wenn ich sage „gehen wir Pipi machen?“ Sie springt auf, rennt zur Tür, bekommt dann wieder Angst vor ihrem eigenen Mut, springt zurück auf ihre Couch und wartet, bis ich mit der Leine komme.
Heute, am 11.05.2018, war ein besonderes Highlight. Happy ist – mit etwas Druck – ins Auto gestiegen und wir sind ein kurzes Stück zusammen gefahren. Nach einer Minute hörte das Zittern auf und sie schaute interessiert aus der Scheibe. Die ganze Nachbarschaft bestätigt mir immer wieder, welch positive Fortschritte Happy gemacht hat. Wenn man sie nun sieht, bekommt man das Gefühl, dass sie anfängt, das Leben wahrzunehmen und zu genießen.
Und eines muss ich ganz stark hervorheben: An der kleinen Maus ist nichts Bösartiges, sie ist lernbereit und auch, wenn sie noch keinen Kontakt von sich aus zu mir aufnimmt, denke ich doch, dass sie sich mit der Zeit an einen Mensch binden und Freude zeigen kann. Vielleicht wird sie nie ganz ohne Angst leben können, aber sie wird bestimmt ein liebevoller Kamerad werden. Es wäre schön, wenn ich mit dem Bericht jemanden berühren und Interesse an der kleinen Maus wecken konnte. Sie hat keine Probleme mit Katzen und ruhigen Hunden. Wenn dazu noch ein umzäunter Garten vorhanden wäre, besteht die Chance, aus diesem kleinen Panikhund „Happy“ zu machen.
Liebe Grüße an alle Tierfreunde und Helfern Eure Heike, Lino und Happy